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Ramadan - die Weisheit des Fastens

Vorwort

Wer im Ramadan wahrhaftig und voller Hoffnung fastet,
dem vergibt Gott
 auch seine vergangenen Sünden.[1]

Der Prophet Muhammad (sas)[2]

Der segensreiche Ramadan ist da! Millionen Muslime fasten auf der ganzen Welt. So folgen sie mit bewusster Hingabe dem Befehl ihres Schöpfers: O ihr, die ihr glaubt! Vorgeschrieben ist euch das Fasten wie es denen vor euch vorgeschrieben wurde, auf dass ihr gottesfürchtig werdet. (Koran, 2:183) Um die tiefe Dimension des Fastens im Ramadan zu begreifen, seine Weisheiten zu erkennen und sich mit Spiritualität zu erfüllen, haben wir uns bemüht, das vorliegende Büchlein von Said Nursi aus dem Osmanischen in originalgetreuer Form, aber dennoch mit einer literarisch-ästhetischen Sprache, zu übersetzen. Um das Verständnis des Werkes zu erleichtern, sind Erläuterungen hinzugefügt und Quellen ergänzt worden. Wir schätzen uns glücklich, hiermit die Gläubigen bei ihrem Fasten zu motivieren und allen Interessierten die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Fastens zu präsentieren.

Serdar Aslan

***

 „Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Allbarmherzigen.“[3]

Im Monat Ramadan[4] wurde der Koran[5] herabgesandt - als Rechtleitung für die Menschen, als Beweis der Rechtleitung und als Kriterium.(Koran, 2:185)

Das Fasten[6] im Ramadan ist eine der fünf Säulen[7] und eines der hervorragendsten Kennzeichen des Islams und voller Weisheit hinsichtlich der Herrschaft Gottes[8], des individuellen und gesellschaftlichen Lebens der Menschen, der Selbstdisziplinierung und des Dankes gegenüber den göttlichen Gaben.

Erster Punkt: Das Fasten als Dienerschaft

Eine Weisheit des Fastens, die sich auf die Herrschaft Gottes bezieht: Die Vollkommenheit seiner Herrschaft, Barmherzigkeit und seines Erbarmens bringt Gott zum Ausdruck, in dem er die Erdoberfläche in Form einer Tafel erschaffen hat und diese mit vielfältigsten Gnadengaben „aus unerwarteten Quellen[9] deckt. Diese hierdurch zum Ausdruck kommende Wahrheit erkennen die Menschen im Rahmen der Kausalität nicht angemessen[10] oder vergessen sie oft unter dem Schleier der Unachtsamkeit.

Indem sie eine dienerische Haltung einnehmen, wenn sie gegen Abend auf die Anweisung „Das Buffet ist eröffnet!“ warten, gleichen die Gläubigen im herrlichen Ramadan einem organisierten Heer. Als wären sie zum Festessen des urewigen Herrschers eingeladen, begegnen sie der sich zuneigenden, majestätischen und umfangreichen Barmherzigkeit mit einer umfassenden, erhabenen und organisierten Dienerschaft (ubudiyya). Gebührt Menschen, die bei solch einer himmlischen Dienerschaft und ehrenvollen Gnadenfülle nicht teilnehmen, überhaupt noch der Titel „Mensch“?

Zweiter Punkt: Das Fasten als Ausdruck der Dankbarkeit

Eine Weisheit des Fastens im segensreichen Ramadan im Hinblick auf die Dankbarkeit gegenüber den Gaben Gottes: Die Speisen, die ein Kellner aus der Küche eines Königs bringt, erfordern ihren Preis. Es wäre eine grenzenlose Dummheit dem Kellner Trinkgeld zu geben und dabei - die beachtlich wertvollen Gaben geringschätzend - den Geber zu missachten.[11]

Gott erwartet für Seine mannigfachen Gaben, die er für die Menschheit auf der Erdoberfläche ausgebreitet hat, als eine Gegenleistung und ein Preis, die Dankbarkeit. Die scheinbaren Ursachen und Träger dieser Gaben gleichen dem Kellner. Wir bezahlen diesen „Kellnern“ einen Preis; ihnen gegenüber fühlen wir uns zu Dank verpflichtet. Zuweilen erweisen wir ihnen sogar mehr Respekt und Dank, als sie verdienen.

Doch dem wahren Geber gebührt für die Gaben unendlich mehr Dank als den Ursachen. Dank heißt zu wissen, dass jene Gaben unmittelbar von ihm kommen, diese wertzuschätzen und das eigene Bedürfnis nach ihnen zu empfinden.

Das Fasten im Ramadan ist der Schlüssel zu einer wahren, aufrichtigen, großartigen und umfassenden Dankbarkeit. Die meisten Menschen begreifen in anderen Zeiten die Bedeutung vieler Gaben nicht, weil sie nicht notgedrungen einen wirklichen Hunger verspüren. Eine satte und zudem noch reiche Person weiß nicht den Grad der Gabe eines trockenen Brots zu schätzen.

Zur Stunde des Fastenbrechens (iftar)[12] bezeugt der Geschmackssinn eines Gläubigen, was für eine wertvolle Gottesgabe doch jenes Stück trockenes Brot ist. Vom Reichsten bis zum Ärmsten erweist ein jeder im ehrwürdigen Ramadan dadurch, dass er den Stellenwert dieser Gaben begreift, eine spirituelle Dankbarkeit.

Da tagsüber das Essen verboten ist, bringt er - die Gabe als Gabe wahrnehmend - durch seine Haltung eine geistige Dankbarkeit zum Ausdruck: „Jene Gaben sind nicht mein Eigentum. Ich bin nicht frei im Speisen und Trinken, d. h. sie sind Eigentum eines Anderen und seine Gaben - ich warte auf seinen Befehl.

So wird das Fasten in vielerlei Hinsicht zu einem Schlüssel der Dankbarkeit - der wahren Aufgabe der Menschlichkeit!

Dritter Punkt: Die Funktion des Fastens im gesellschaftlichen Leben

Eine von vielen Weisheiten des Fastens in Hinsicht auf das gesellschaftliche Leben der Menschen: Den Menschen wurde unterschiedlicher Lebensunterhalt zugeordnet. Gott lädt die Reichen aufgrund dieser Unterschiede ein, den Armen zu helfen. Die Reichen können sich nur durch das „Hungern“ beim Fasten in den zu bemitleidenden Zustand der Armen einfühlen.

Gäbe es das Fasten nicht, hätten viele selbstsüchtige Reiche womöglich nicht nachvollziehen können, wie schmerzhaft Hunger und Armut sind und wie sehr diese Armen des Mitgefühls bedürfen. Aus dieser Perspektive ist das Mitleid gegenüber Mitmenschen die Grundlage einer wahren Dankbarkeit.[13] Jeder Mensch kann - wie auch immer - einen noch bedürftigeren als sich selbst finden. Ihm gegenüber ist er zur Fürsorge verpflichtet.

Gäbe es nicht die Verpflichtung sich des Essens zu enthalten, so könnte man die Hilfe und Güte aus Mitleid und Verantwortung nicht erbringen; und wenn, dann doch nicht im gewünschten Maße. Denn dieser Zustand wäre ja nicht selbst erlebt.

Vierter Punkt: Das Fasten als Selbstdisziplinierung

Eine Weisheit des Fastens im Ramadan in Bezug auf die Selbstdisziplinierung: Das Ego will frei und ungebunden sein und zugleich glaubt es, dass dem auch so sei. Nach seiner Veranlagung verlangt es sogar nach einer illusorischen Autorität und zügellosen Aktivität. Es will nicht daran denken, dass es mit zahllosen Gnadengaben erzogen wird. Insbesondere wenn es auch Vermögen und Macht besitzt und dazu noch die Achtlosigkeit Beihilfe leistet, raubt es die Gottesgaben wie ein Dieb und verschlingt sie gleich einem Tier.

Im Ramadan versteht eine jede Seele - die des Reichsten als auch des Ärmsten -, dass sie nicht Eigentümer, sondern selbst Eigentum, nicht Herr seiner selbst, sondern ein Diener ist. Ohne Anordnung vermag sie nicht einmal einfachste und banalste Handlungen, wie das Strecken der Hand nach Wasser, auszuführen; ihre trügerische Autorität bricht zusammen. Die Seele nimmt somit die Rolle der Dienerschaft an und gelangt zur Dankbarkeit - ihrer wahren Bestimmung.

Fünfter Punkt: Das Fasten als eine Selbsterziehung

Eine Weisheit unter vielen Weisheiten des Fastens im Ramadan betrifft die Charaktererziehung des Selbst und die Eindämmung seiner aufbegehrenden Aktivität: Das Selbst des Menschen vergisst in Achtlosigkeit sich selbst. Es erkennt nicht die grenzenlose Schwäche, unendliche Bedürftigkeit und unermessliche Fehlbarkeit in seinem Wesen und will sie erst gar nicht sehen. Es realisiert nicht, mit welcher Schwäche es Verfall und Unglück ausgesetzt ist und dass es lediglich aus Fleisch und Knochen besteht, welche sich auflösen und verwesen. Es rafft die Welt an sich und fühlt sich ewig und unsterblich, als besäße es einen Körper aus Stahl. Mit grenzenloser Gier, Habsucht, heftiger Begehrlichkeit und Leidenschaft klammert es sich an die Welt; es bindet sich an alle Lust und jeden Gewinn. Es vergisst seinen Schöpfer, der es mit vollendeter Fürsorge erzieht, und macht sich keine Gedanken über die Konsequenzen im diesseitigen und jenseitigen Leben; mit verwerflichem Charakter wälzt es sich hin und her.

Das Fasten im Ramadan lässt jedoch selbst den gedankenlosesten und unverbesserlichsten Menschen seine Schwäche, Ohnmacht und Bedürftigkeit wahrnehmen. Durch den Hunger denkt er an seinen Magen und wird sich seiner Bedürftigkeit bewusst. Sein schwacher Körper erinnert ihn daran wie anfällig er ist. Er begreift, wie sehr er der Güte und des Mitgefühls bedarf. Er gibt seinen Pharaonismus[14] auf, und bekommt so - seiner Schwäche und Armut vollkommen bewusst - ein Gefühl dafür, am göttlichen Hofe Zuflucht zu nehmen und bereitet sich mit der Hand der innigsten Dankbarkeit vor, an der Tür der Gnade zu klopfen - wenn die Achtlosigkeit/Apathie[15] sein Herz noch nicht verdorben hat.

Sechster Punkt: Ramadan – der Monat des Korans

Das Fasten im ehrwürdigen Ramadan beinhaltet hinsichtlich der Offenbarung des weisen Koran und vor allem was diesen Monat als die wichtigste Zeit seiner Herabsendung[16] anbelangt, viele Weisheiten. Eine dieser Weisheiten soll nun angeführt werden:

Da der weise Koran im Monat Ramadan herabgesandt wurde, sollte man, um sich auf diese Phase zu konzentrieren und diese „himmlische Predigt“ gebührend aufzunehmen, sich der triebhaften Bedürfnisse enthalten, sinnlose Beschäftigungen sein lassen und so - durch den Verzicht auf Speis und Trank - in einer engelsgleichen Art, den Koran rezitieren und ihm zuhören, als ob er Hier und Jetzt herabgesandt wäre, und sogar so, als lauschte man dieser göttlichen Predigt in seiner tatsächlichen Herabsendungszeit und ihm horchen, als hörte man diese Predigt vom ehrenvollen Gesandten (sas), von Gabriel oder gar vom urewigen Sprecher[17], um sich dadurch in einen spirituellen Zustand zu versetzen. Damit wird man zu einem „Übersetzer“ des Korans und kann auf diese Weise die Weisheit seiner Herabsendung demonstrieren.

Im Ramadan verwandelt sich die islamische Welt in ein gewaltiges Gebetshaus, in dem Millionen Rezitatoren den Koran - diese himmlische Predigt - den Erdbewohnern vorlesen. Jeder Ramadan präsentiert den Vers „Der Monat Ramadan, in dem der Koran herabgesandt wurde[18] auf eine einleuchtende Weise. So beweist er, dass der Ramadan der Monat des Korans ist. Einige in dieser großen Gemeinde lauschen voller Hochachtung den Rezitatoren und einige andere lesen ihn für sich.

In solch einem heiligen Gebetshaus dessen ungeachtet der irdischen Triebe des Selbst folgend zu essen und zu trinken und infolgedessen diesen lichtvollen Zustand zu verlassen, ist unerträglich abscheulich und ruft nur den geistigen Unwillen der Gemeinde in diesem Gebetshaus hervor. Genauso ziehen diejenigen, welche sich im Ramadan von den Fastenden zuwiderhandelnd abgrenzen, die innere Missbilligung und Verachtung der ganzen Welt des Islams auf sich.

Siebter Punkt: Das Fasten als jenseitiger Handel

Eine Weisheit des Fastens im Ramadan, die mit dem Verdienst des Menschen zusammenhängt, der in diese Welt, die ihm als Acker[19] und Handel dient[20], gekommen ist: Im segensreichen Ramadan ist der Lohn für eine gute Tat 1:1000. Die Rezitation eines Buchstaben aus dem weisen Koran wird gewöhnlich als 10 Wohltaten angerechnet, als 10 gute Taten und birgt 10 Paradiesfrüchte.[21] Im Ramadan jedoch ist der Verdienst nicht 10, sondern 1000. Buchstaben der Verse wie des Thronverses (âyat al-kursi)[22] bringen sogar Tausende „Pluspunkte“. An Freitagen des Ramadan ist der Lohn noch mehr.[23] Und in der Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr)[24] wird ein Buchstabe als eine 30.000-fache Wohltat gezählt.[25] Ja, der weise Koran, dessen jeder Buchstabe 30.000 ewige Früchte schenkt, gleicht einem lichtvollen Paradiesbaum, der im Ramadan den Gläubigen Millionen ewige Früchte gewinnen lässt. So siehe denn, was für ein großer Verlierer jemand ist, der jene Buchstaben bei solch einem heiligen, ewigen und gewinnbringenden Handel nicht wertschätzt.

Der Ramadan ist also für den „jenseitigen Handel“ eine beachtlich profitable Messe und ein sehr ertragreicher ‚Markt‘. Er ist ein fruchtbares Land für die jenseitige Ernte. Für die Entfaltung unseres Potenzials ist er wie der Frühlingsregen im April. Er ist ein glanzvolles und heiliges Parade-Festival der Dienerschaft des Menschen gegenüber der Souveränität der göttlichen Autorität.

Weil dem so ist, wurde das Fasten angeordnet, damit der Mensch nicht durch Essen und Trinken der Unbedachtsamkeit des Egos verfällt und den tierischen Gelüsten, der sinnlosen und wollüstigen Laune hinterher läuft. So ist es, als ob er sich für eine bestimmte Zeit von dem Zustand eines Lebewesens lösend eine engelsgleiche Form annimmt oder sich mit jenseitigem Handel beschäftigend und so, diesseitige Bedürfnisse beiseitelassend, sich in eine jenseitige Person verwandelt oder wie ein reiner Geist wird, der als ein Körper in Erscheinung tritt. Mit alldem wird er durch das Fasten zu einer Art Spiegel der Absolutheit (samadaniyya)[26] Gottes.

Das Fasten im segensreichen Ramadan trägt in dieser Welt, in diesem vergänglichen und allzu kurzen Leben, ein ewiges und unsterbliches Leben in sich und lässt es gewinnen. Ja, ein einziger Ramadan kann den Ertrag eines 80-jährigen Lebens erbringen. Dass die Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) - basierend auf dem Korantext[27] - wertvoller als Tausend Monate ist, belegt dieses Geheimnis mit definitiver Beweiskraft.

Ein König lässt im Verlauf seiner Regierungszeit - vielleicht jährlich - anlässlich seiner Thronbesteigung oder an einigen besonderen Tagen, als Andenken an ein grandioses Werk seiner Herrschaft, ein Fest ausrufen. Zu diesen Zeiten behandelt er seine Untertanen nicht nach regulärem Prozedere, sondern kommt ihnen besonders entgegen, zeigt öffentliche Präsenz und besondere Geneigtheit und lässt seine loyalen Bürger wohlverdient bei seinem ungewöhnlichen Schaffen zugegen sein und gewährt ihnen Privataudienz. In vergleichbarer Weise hat der König aller Zeiten in seiner Allmajestät seinen hoheitsvollen Erlass - den weisen Koran - als eine Gunst an 18.000 Welten[28] im Ramadan herabgesandt. Folgerichtig wird dieser Ramadan ein besonderes himmlisches Fest, eine göttliche Messe und eine Versammlung der Seligen. Da der Ramadan jenes Fest ist, wird logischerweise - um den Menschen von animalischer und tierischer Tätigkeit zu befreien - das Fasten vorgeschrieben.

Das ideale Fasten bedeutet, neben dem Magen, auch alle Sinne, wie das Auge, das Ohr, das Herz, die Phantasie und den Intellekt, einer Art Fasten zu unterziehen, d. h. diese dem unstatthaften und nutzlosen Handeln zu entziehen und jeden Sinn in seinem speziellen Dienst zu motivieren. Zum Beispiel: Seine Zunge vor einer Lüge, übler Nachrede und Schimpfwörtern zu bewahren heißt, sie fasten zu lassen.[29] Stattdessen soll die Zunge mit der Rezitation des Korans (tilâwat al-qurân), dem Gedenken (dhikr), Lobpreisen (tasbîh), Segenswunsch (salawât) und mit der Bitte um Vergebung (istighfâr)[30] beschäftigt werden.

Das Auge vom Betrachten des Illegitimen und das Ohr vom Lauschen des Schändlichen abzuhalten und dafür das Auge dem Lehrreichen hinzuwenden und das Ohr auf wahre Worte und die Rezitation des Korans zu richten, ist beispielsweise auch eine Form des Fastens. Da ja der Magen die größte Fabrik in uns ist, können kleinere Anlagen[31] ihr leichter folgen, wenn einmal bei ihr der Betrieb durch das Fasten eingestellt wird.

Achter Punkt: Das Fasten als eine materielle und geistige Diät

Eine von vielen Weisheiten des Fastens im heiligen Ramadan bezüglich des individuellen Lebens des Menschen: Das Fasten ist dem Menschen eine Medizin in Form einer materiellen und geistigen Diät. Medizinisch betrachtet ist es eine Kur. Solange der Mensch sich in Bezug auf Essen und Trinken zügellos verhält, erleidet er gesundheitliche Schäden und vergiftet auch sein geistiges Leben, da er ohne auf die Speisevorschriften zu achten, alles zu sich nimmt, was er in die Hand bekommt. In diesem Zustand macht es sich das Ego schwer, dem Herz und Geist zu folgen. Es nimmt wie ein Rebell die Zügel in die Hand. Der Mensch verliert die Macht über sein Selbst; es erlangt die Macht über ihn.

Im Ramadan gewöhnt sich das Selbst mit Hilfe des Fastens an eine Art Diät, bemüht sich um Askese und lernt Gehorsam. Der Magen wird von Krankheiten verschont, da ein Überessen vor dem Verdauen vermieden wird. Weil es durch die Anordnung des Fastens sich selbst des Erlaubten enthält, erhält es die Befähigung vernünftigen und rechtlichen Weisungen Folge zu leisten und so auch das Verbotene zu unterlassen. Es versucht das spirituelle Leben nicht zu ruinieren.

Das Fasten trainiert Geduld und Ausdauer

Ein Großteil der Menschheit leidet oft an Hunger. Um Geduld und Aushaltevermögen für eine Hungerperiode zu trainieren, benötigt der Mensch eine Phase der Askese. Das Fasten im Ramadan ist als eine 15-stündige (ohne das Frühmahl (sahur)[32] sogar 24-stündige) Hungerphase und somit als eine Geduldprobe zu sehen.[33] Sie kommt einer Askese und einem Training gleich. Das heißt, das Fasten ist auch eine Lösung für die Ungeduld und Unrast des Menschen, die sein Unglück verdoppeln.

Das Fasten als „ein spiritueller Urlaub“ des Magens

Die Bauchfabrik, die viele Beschäftigte hat, steht mit vielen Organen des Menschen in Beziehung. Wenn das Selbst nicht im Verlauf eines Monats tagsüber den Betrieb einstellt, vergessen die Arbeiter und Organe ihren speziellen Gottesdienst. Es hält sie auf und bringt sie somit unter seine Zwangsherrschaft. Das Gemüt der Menschen wird durch den Lärm und Rauch der geistigen Fabrikanlage durcheinandergebracht. Es zieht die ganze Zeit die Aufmerksamkeit auf sich und lässt so die Beschäftigten ihre würdevollen Dienste zeitweise vergessen. Aus diesem Grunde haben sich von je her viele Gottesfreunde angewöhnt, auf dem Wege der Vervollkommnung in Askese, also unter anderem mit weniger Essen und Trinken, zu leben.[34]

Im Lichte des Fastens im erhabenen Ramadan begreifen die Arbeiter jener Fabrik, dass sie nicht nur für die Arbeit in der Fabrik erschaffen wurden. Auch die übrigen Organe widmen sich anstelle der animalischen Lust dieser Fabrik der engelhaften und seligen Entzückung. Deshalb erfahren Gläubige im Ramadan, dem Grad ihrer Entwicklungsstufe entsprechend, facettenreiche Erleuchtung, reichlichen Segen und innere Freude. Viele Zentren wie das Herz, der Geist, der Verstand und die Seele werden geläutert und entfalten sich. Während der Magen ‚weint‘, ‚lachen‘ sie unschuldig.

Neunter Punkt: Das Fasten lehrt die Herrschaft Gottes

Eine Weisheit unter vielen Weisheiten des Fastens im Ramadan ist mit dem unmittelbaren Zusammenbrechen der eingebildeten Herrschaft des Egos und der Belehrung der Dienerschaft durch das Aufzeigen seiner Schwäche verbunden. Diese Weisheit soll im Folgenden dargelegt werden:

Das Ego (nafs) will seinen Herrn nicht anerkennen. Pharaonenhaft strebt es nach der eigenen Herrschaft. Wie viel Pein es auch immer erfährt, dieser Wesenszug bleibt ihm anhaften. Nur durch das Fasten gibt es dieses Gefühl auf. D. h. das Fasten im Ramadan erschüttert die pharaonenhafte Front des Egos, versetzt ihm einen Schlag, deckt so seine Schwäche, Ohnmacht und Bedürftigkeit auf und offenbart, dass es ein Diener ist.

In den Überlieferungen gibt es folgende Erzählung:

Gott fragte das Ego (nafs): „Wer bin ich, wer bist du?“

Das Ego antwortete: „Ich bin ich, du bist du.“

Er peinigte das Ego, warf es in die Hölle und fragte es noch einmal.

Es antwortete wieder: „Ich bin ich und du bist du.“

Welcher Strafe er es auch unterzog, es gab seinen Egoismus nicht auf.

Dann bestrafte er es mit dem Hunger, er ließ es hungern.

Er fragte es noch einmal: „Wer bin ich, wer bist du?“

Das Ego antwortete diesmal: „Du bist mein allbarmherziger Herr und ich bin dein schwacher Diener.“[35]

***

„O Gott! Segne unser Vorbild Muhammad, seine Familie und Gefährten mit einem Segen, der deiner Zufriedenheit entspricht! Spende ihm Segen nach dem Verdienst der rezitierten Buchstaben des Korans  im Monat Ramadan! Schenke ihm und den seinen Frieden!

„Preis deinem Herrn, dem Würdevollen, erhaben über dem, was sie sich ausmalen.
Friede
 allen Gesandten! Das Lob ist Gottes, dem Herrn der Welten.“
(Koran, 37:180-182)

***

Tischgebet

„O unser König,
der uns mit seiner Gnadenfülle umhüllt!
Zeige uns die Originalen und Quellen der Gaben
,
die du hier nur als Beispiel und Hinweis darbietest!
Führe uns zum Sitz deiner Herrschaft
!
Lass uns in diesen Wüsten nicht zugrundegehen!
Nimm uns in deine Gegenwart auf!
Erbarme dich unser!

Lass uns die wohlschmeckenden Gaben,
die du uns hier kosten lässt, dort genießen!
Peinige uns nicht mit Abschied und Ferne!

Lass deine dich sehnenden und
dir dankbar ergebenen Untertanen
nicht zunichtegehen!“
[36]

„O Herr,
segne unsere körperliche und geistige Nahrung
,
die du uns um des Segens unseres
ehrenvollen Gesandten
 willen geschenkt hast!“[37]

„Lass unseren Geist über unseren Körper,
unsere Vernunft über unsere Triebe

und unser Herz über unser Ego herrschen!
Lass uns zu deinen Dienern gehören,
welche den Genuss
 zur Dankbarkeit erbitten!“[38]

„O Herr, vergib unsere Vergehen!
Nimm uns als deine Diener
 auf!
Gib uns Sicherheit über dein Anvertrautes
bis zu unserer Begegnung!“
[39]

Amen!

***

Literatur

Adschlûnî, Muhammad al-; Kaschf al-Khafâ. Beirut: Muassasat ar-Risâla, 1988.

Bukhârî, Ismâîl al-; Sahîh. Istanbul: al-Maktabat al-Islâmiyya, 1979.

Dailamî, Schahradâr ad-: al-Musnad al-Firdaus.  Beirut: Dâr al-Kutub al-Ilmiyya, 1986.

Ghazâlî, Abû Hâmid al-: al-Ihyâ. Beirut: Dâr al-Marifa, o. D.

Hanbal, Ahmad ibn; al-Musnad. Ägypten: Muassasat al-Qurtuba, o. J.

Isbahânî, Abû Nuaim al-: Hilyat al-Auliyâ. Beirut: Dâr al-Kitâb al-Arabî, 1405 h.

Munâwî, Muhammad al-: Faid al-Qadîr. O. O.: al-Maktabat at-Tidschâriyyat al-Kubrâ, 1356 h.

Nursi, Said: Blitze. Übers. Davut Korkmaz. Köln: VFJH, 2002.

Nursi, Said: Briefe. Übers. Davut Korkmaz. Köln: VFJH, 2001.

Nursi, Said: Worte. Übers. Davut Korkmaz. Köln: VFJH, 2000.

Rumi, Eşrefoğlu: Müzekkîn-Nüfûs. Istanbul: Insan Yayınları, 1996.

Schaiba, Ibn Abî: al-Musannaf. Riyad: al-Maktabat ar-Ruschd, 1409 h.

Tabarânî, Ahmad at-; al-Mudscham al-Ausat. Kairo: Dâr al-Haramain, 1415 h; al-Mudscham al-Kabîr. Mosul: Maktabat al-Ulûm wa al-Hikam, 1404 h.

Tabarî, Ibn Dscharîr at-: al-Dschâmi al-Bayân. Beirut: Dâr al-Fikr, 1405 h.

Tirmidhî, Isâ at-; Sahîh. Beirut: Dâr al-Ihyâ at-Turâth al-Arabî, o. A.

 

[1] Bukhârî: Sâhîh, Saum: 6; Tirmidhî: Sâhîh, Saum: 1.

[2] (sas) ist die Abkürzung für den Segenswunsch und Friedensgruß für den Gesandten Gottes: „Gott segne ihn und schenke ihm Frieden.“ (Sallallâhu alaihi wa sallam)

[3] Koran, 1:1.

[4] Der Monat Ramadan ist der 9. Monat des islamischen Mondkalenders. In diesem Monat begann die Offenbarung des Korans.

[5] Der Koran ist die Offenbarung Gottes an die Menschheit. Er wurde innerhalb von 23 Jahren (610-632) sukzessive von Gott über den Engel Gabriel an den Propheten Muhammad (sas) herabgesandt.

[6] Das Fasten wurde im Februar 624 als eine Pflicht angeordnet.

[7] Die fünf Säulen sind die Glaubensbezeugung (schahâda), das rituelle Gebet (Salâh), die Sozialabgabe (zakâh), das Fasten im Ramadân (saum) und die Pilgerfahrt (haddsch).

[8] Das Attribut „rubûbiyya“, im Deutschen gewöhnlich mit „Herrschaft“ wiedergegeben, bezeichnet die aufziehende, erziehende, pflegende, sich für allen Bedarf sorgende Autorität Gottes, die ein jedes Ding und Lebewesen vom Beginn seiner Entstehung bis zur Vollendung formt. Diese „Erziehungsherrschaft“ ist beim Menschen weniger autoritär – der Mensch soll nach Selbst- und Gotteserkenntnis die Hingabe an Gott freiwillig und bewusst praktizieren und sich in diesem Lichte empor bilden. (Siehe 9. Punkt)

[9] Koran, 65:3.

[10] Die Menschen neigen in der Regel dazu, die Wirkungen auf ihre scheinbaren Ursachen zurückzuführen, während in Wahrheit Gott der Allmächtige die wahre Ursache ist. Nicht der Apfelbaum ist der Schöpfer des Apfels, sondern der Allerbarmer, der den Apfel an und mit ihm erschafft und den Baum diese Gabe uns wie ein Kellner anbieten lässt. Somit gebühren nur ihm der Dank und das Lob. (Siehe 2. Punkt)

[11] Siehe Worte, (1. Wort), Said Nursi.

[12] Das Fasten beginnt mit der Morgendämmerung (fadschr) und dauert bis zum Sonnenuntergang. In dieser Phase soll der Fastende sich willentlich der Nahrungszufuhr und geschlechtlicher Beziehung enthalten.

[13] Der Prophet Muhammad (sas) sagte: Wann immer einer von euch jemanden sieht, der über ihm steht, soll er auch auf jemanden schauen, der unter ihm steht! Dies ist notwendig, da­mit ihr nicht auf die Gnadengaben Gottes herabseht.“ (Bukhârî)

[14] Pharaonismus ist eine frevelhafte Denkform, die durch Pharao sinnbildlich geworden ist. Er widersetzte sich gegen den Propheten Moses (as), der ihn zur Hingabe an Gott einlud (Koran, 20:24). Damit bezeichnet auch dieser Ismus wie seine modernen Entsprechungen eine Geisteshaltung, die sich Gott gegenüber rebellisch verhält und seine Normen missachtend Unheil auf der Erde anrichtet und durch selbstzugesprochene Herrschaft Tyrannei ausübt.

[15] Apathie (ghafla) bezeichnet die Teilnahmslosigkeit, den Zustand der Gleichgültigkeit gegenüber sich selbst, den Menschen, der Umwelt und dem Schöpfer.

[16] Der Koran wurde innerhalb von 23 Jahren (610-632) sukzessive herabgesandt. Die Offenbarung begann im Ramadan. Zudem gibt es die Lehrmeinung, dass der Koran einmal vollständig auf den Erdhimmel herabgesandt, dann nach und nach dem Propheten offenbart wurde. Darüber hinaus kontrollierte der Engel Gabriel mit dem Propheten Muhammad (sas) in jedem Ramadan das, was bis dahin an Koran auswendig gelernt und niedergeschrieben wurde.

[17] Gemeint ist Gott, der sich durch sein ewiges Wort (kalâm) den Menschen offenbart, so mit ihnen „spricht“, d. h. kommuniziert.

[18] Koran, 2:185.

[19] Siehe Koran, 42:20; Adschlûnî: Kaschf al-Khafâ, 1:412, 495, 1320; al-Ghazâlî: Ihyâ, 4:19.

[20] Siehe Koran, 9:111.

[21] Tirmidhî: Fadâil al-Qurân: 16; Ibn Abî Schaiba: al-Musannaf, 6:118; at-Tabarânî: al-Mudscham al-Kabîr, 9:130.

[22] Koran, 2:255: „Allah, keine Gottheit außer ihm, dem Lebendigen, dem Beständigen! Ihn ergreift nicht Schlummer noch Schlaf. Sein ist, was in den Himmeln und was auf der Erde. Wer ist es, der bei ihm Fürsprache einlegt ohne seine Erlaubnis? Er weiß, was vor und was hinter ihnen liegt. Doch sie umfassen nichts von seinem Wissen – außer was er will. Seine Herrschaft umfasst die Himmel und die Erde, und beide zu bewahren ist ihm nicht schwer. Er ist der Hocherhabene, der Preiswürdige.

[23] Am Freitag treffen sich die Muslime in Feststimmung zum Gemeinschaftsgebet. Deshalb ist dieser Tag eine segenbringende Zeit, d. h. gute Taten werden mehrfach angerechnet. Ad-Dailamî: Musnad al-Firdaus, 3:130-131; at-Tabarânî: al-Mudscham al-Ausat, 3:255-256.

[24] Diese Nacht ist die bedeutendste Nacht im Islam. Welche Ramadannacht sie sein soll, ist unbekannt gehalten, damit die Gläubigen sie in jeder Nacht suchen. Aus Gnade wurden jedoch Hinweise gegeben, dass sie in den letzten zehn, ungeraden, Tagen sein kann. Die Besonderheit dieser Nacht wird im Koran in der gleichnamigen Sure eindeutig dargelegt: „Wir haben ihn in der Nacht der Bestimmung herabgesandt. Was lässt dich wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? Die Nacht der Bestimmung ist besser als Tausend Monate. Herabkommen in ihr die Engel und der Geist mit der Erlaubnis ihres Herrn für jede Angelegenheit. Frieden ist sie bis zum Anbruch der Morgendämmerung.“ (Koran, 97:1-5)

[25] Abgeleitet aus dem Vers der Koran, 97:3: „Die Nacht der Bestimmung ist besser als Tausend Monate.

[26] Gott ist as-Samad (Koran, 112:2), d. h. der Absolute, von dem alles abhängt, während er nichts und niemandes bedarf, der Uneingeschränkte, der aus-sich-Selbst-Seiende und der Unwandelbare. Der Mensch wird, in dem er im Ramadân sich von gewöhnlichen Bedürfnissen löst, - wenn auch nur schattenhaft - zu einem Spiegelbild des Absoluten Gottes. Sowie ein Mensch, der mitfühlend ist, Gottes Eigenschaft „der Allbarmherzige“ demonstriert, so wird er mit dem Fasten zu einem Spiegel, in dem die Absolutheit Gottes sich manifestiert.

[27] Siehe Koran, 97:3: „Die Nacht der Bestimmung ist besser als Tausend Monate.

[28] Die Zahl 18.000 ist nur sinngemäß aufzufassen, denn jedes in sich geschlossene System oder jede Ordnungseinheit kann als eine „Welt“ verstanden werden. Die Sterne sind für sich eine Welt, das Sonnensystem ist eine Welt. Wir sprechen von der „Welt der Tiere“, es gibt sogar die „Welt der Ameisen“. Selbst jeder Mensch hat seine eigene Welt. Siehe auch at-Tabarî: Dschâmi al-Bayân, 1:63; Abû Nuaim, Hilyat al-Auliyâ, 2:219.

[29] Der Prophet Muhammad (sas) sagte: „Wer fastet, soll zu niemandem etwas Schlechtes sagen oder herumschreien. Wenn jemand euch beschimpft oder handgreiflich wird, sagt einfach: „Ich faste.““ (Bukhârî, Saum: 9; Ibn Hanbal: Musnad, 2:273.)

[30] Buße (istighfâr) ist die Bitte um Vergebung nach tiefer Reue und mit dem festen Entschluss einen Fehltritt nicht mehr zu begehen.

[31] Mit Anlagen sind hier bildlich Sinne wie das Auge, das Ohr, das Herz usw. gemeint.

[32] Das ist ein Mahl, das der Fastende noch vor der Morgendämmerung zu sich nimmt.

[33] Der Prophet Muhammad (sas) sagte: „Das Fasten ist die Hälfte der Geduld.“ (Tirmidhî: Sahîh, Dawa: 85; Ibn Hanbal: Musnad, 4:260.)

[34]Sei dir bewusst, dass der Hunger die Grundlage aller Heilmittel ist. Nimm den Hunger mit Entschlossenheit an - verachte ihn nicht!“ (Maulânâ Rûmî)

[35] Rumi: Müzakkin-Nüfûs, S. 275-276.

[36] Nursi: Worte, (10. Wort, 5. Bild).

[37] Nursi: Briefe, (19. Brief).

[38] Nursi: Blitze, (19. Blitz, 3. Punkt).

[39] Nursi: Worte, (6. Wort).