Das Flehgebet des Propheten Jonas

Im Namen Gottes des allbarmherzigen Allerbarmers[1]

Er schrie in den Finsternissen: „Kein Gott außer Dir! Preis sei Dir! Ich war ungerecht zu mir!“[2]

Das großartige Flehgebet (munâdschât) des Propheten Jonas[3] ist ein wichtiges Mittel für die Annahme von Gebeten.[4]

Die Zusammenfassung der berühmten Geschichte Jonas, Friede sei mit ihm:

Eines finsteren und furchteinflößenden Nachts in ein stürmisches Meer geworfen und von einem großen Fisch verschlungen, befand er sich in voller Verzweiflung, aus der ihm sein flehentliches Gebet „Kein Gott außer Dir! Preis sei Dir! Ich war ungerecht zu mir!“[5] auf der Stelle zum Mittel seiner Errettung wurde.[6]

Das großartige Geheimnis dieses Flehgebets lautet wie folgt:

In jenem Zustand verloren alle Ursachen ihre Wirksamkeit. Denn in seiner Lage bedurfte er desjenigen, dessen Macht sich über die Nacht, den Himmel, das Meer und den Walfisch erstreckt - haben doch all diese sich gegen ihn vereinigt. Nur derjenige, der eine Befehlsgewalt über diese besitzt, kann ihn an das rettende Ufer bringen. Wäre selbst die gesamte Schöpfung zu Hilfe geeilt, hätte es ihm nichts genützt.[7] Das heißt, dass die Ursachen keine wahre Wirkung haben.[8] Da er mit augenscheinlicher Gewissheit erkannte, dass es keine Zuflucht außer bei dem Verursacher der Ursachen (Musabbib al-asbâb) geben kann und sich ihm das Geheimnis der Einzigkeit Gottes (sirr al-ahâdiyya) im Lichte Seiner Einheit (nûr at-tauhîd) enthüllte, erwirkte sein Flehgebet urplötzlich die Unterwerfung der Nacht, des Meeres und Walfisches.

Im Lichte der Einheit Gottes war für ihn der Bauch des Wals in ein Unterseeboot und das Meer im Schrecken gleich bebender Berge in eine idyllische Gegend verwandelt; im Himmel lösten sich die Wolken auf und der Mond wurde als eine Leuchte aufgehängt. Die Geschöpfe, die ihn von allen Seiten bedrohten und bedrängten, zeigten nun ihr freundliches Gesicht. So gelangte er an das rettende Ufer und staunte über die Gnade seines Herrn unter einem Kürbisbaum.[9]

Was uns betrifft; wir befinden uns in einer hundertfach schrecklicheren Lage als der Prophet Jonas. Unsere Nacht ist die Zukunft, die in Anbetracht unserer Gottvergessenheit hundertmal finsterer und fürchterlicher ist. Unser Meer ist unsere verwirrt umher irrende Erde, in der bei jedem Wellenschlag Tausende Leichen auftauchen - tausendmal beängstigender als sein Meer. Unser Fisch ist unser launisches Ego, das unser ewiges Leben zu zerstören droht. Dieser ‚Fisch‘ ist tausendfach schädlicher als sein Fisch; während seins ein Leben von höchstens hundert Jahren zerstört, ist unsers bestrebt ein Leben von hunderten Millionen Jahren zu ruinieren.[10]

Da wir uns in der Tat in solch einer Situation befinden, sollten auch wir dem Propheten Jonas folgend uns von allen Ursachen abwenden und uns unmittelbar unserem Herrn, dem Verursacher aller Ursachen, zuwenden und Ihn anflehen:

Kein Gott außer Dir! Preis sei Dir! Ich war ungerecht zu mir!“[11]

So sollten auch wir mit augenscheinlicher Gewissheit verinnerlichen, dass uns vor dem Schaden der Zukunft, der Welt und der Laune des Egos, die sich in unserer Gottvergessenheit (ghafla) und Orientierungslosigkeit (dalâla) gegen uns verschworen haben, nur derjenige bewahren kann, der Herr über die Zukunft, die Welt und das Ego ist. Gibt es denn eine Ursache außer dem Schöpfer der Himmel und der Erde, die unsere innigsten und geheimsten Herzenswünsche kennt? Vermag doch niemand unsere Zukunft durch die Erschaffung des Jenseits erleuchten und uns von hunderttausenden verschlingenden Wellen der Welt retten außer dem notwendig-existenten Wesen (dhât wâdschib al-wudschûd)! Vermag doch keiner uns helfen außer Er erlaubte es entsprechend Seinem Willen![12]

So sieht die Realität aus. Sein Flehgebet verwandelte für den Propheten Jonas den Walfisch zu einem U-Boot, das Meer zu einer friedvollen Gegend und die Nacht nahm im Mondlicht eine anmutige Gestalt an. Auch wir sollten im Geheimnis dieses Flehgebets sprechen:

Kein Gott außer Dir! Preis sei Dir! Ich war ungerecht zu mir!“[13]

Mit dem Satz „Kein Gott außer Dir!“ sollten wir die Barmherzigkeit auf unsere Zukunft, mit dem Lob „Preis sei Dir!“ auf unsere Welt und mit dem Geständnis „Ich war ungerecht zu mir!“ auf unser Ego lenken.[14]

Mit dem Licht des Glaubens und im Mondschein des Korans wird unsere Zukunft erleuchtet, sodass sich die Furcht und Schrecken unserer Nacht in eine Geborgenheit und Gelassenheit verwandeln.

Auf unserer Welt schlagen Wellen von Jahren und Generationen im Wechsel von Leben und Tod zahllose Leichen in das Nichts. Dabei besteht unsere Lebensaufgabe darin das ‚geistigen Schiff‘, das in der Werkstatt des weisen Korans gebaut wurde und die Wahrheit des Islams symbolisiert, zu besteigen, über dieses Meer zu fahren und sicher an das rettende Ufer zu gelangen.

Auf diese Weise werden die Wellen und Beben des Meeres gleich Leinwänden, welche unterhaltende Szenen abwechseln und statt Furcht und Schrecken mittels Lektion und Reflektion uns erfreuen und erfrischen. Ebenso wird unser Ego im Zeichen und durch die Erziehung des Korans, des maßgebenden Kriteriums (furqân), nicht über uns herrschen, sondern zu unserem Fortbewegungsmittel und zu einem starken Mittel für das Heil des ewigen Lebens verwandelt.

Fazit: Da der Mensch ein universelles Wesen besitzt, leidet er an Fieber so wie er an dem Beben und den Erschütterungen der Welt und dem großen Beben des Universums am Jüngsten Tag leidet bzw. leiden wird. So wie er eine winzig kleine Mikrobe fürchtet, fürchtet er einen Kometen, der zwischen den Himmelskörpern auftaucht. So wie er sein Haus liebt, liebt er die große Welt. So wie er seinen kleinen Garten liebt, liebt er sehnsuchtsvoll das ewige Paradies.

Sicherlich muss der Angebetete, der Herr, der Zufluchtsort, der Erretter und der Lebensmittelpunkt ein Wesen sein, in dessen Verfügungsgewalt das ganze Universum und unter seiner Macht alle Atome und Planeten sind.[15] In jedem Falle sollte der Mensch stets das Bedürfnis verspüren gleich dem Propheten Jonas zu sprechen:

Kein Gott außer Dir! Preis sei Dir! Ich war ungerecht zu mir!“[16]

 

[1] Koran, 1:1.

[2] Koran, 21:87.

[3] Sohn der Amitthais. Auf Arabisch: Yûnus ibn Mattâ (Mattâ ist der Name seiner Mutter).

[4] Koran, 21:88; Hâkim: Al-Mustadrak, 1:505.

[5] Koran, 21:87.

[6] Koran, 4:163, 6:86-87, 10:98, 21:87-88, 37:139-148, 68:48-50; At-Ta’labî: Islamische Erzählungen, S. 515-521; Mourad: Islamische Geschichte, S. 165-170.

[7] Koran, 6:17; 10:107; 35:2.

[8] Siehe Harmonie des Lichtes, S. 11-13; Worte, S. 508-10; 747-9; 1225-8.

[9] Koran, 37:146.

[10] Koran, 12:53.

[11] Koran, 21:87.

[12] Koran, 18:23-24; 22:65; 76:30; 81:29.

[13] Koran, 21:87.

[14] Vgl. Bukhârî: Sahîh, S. 116, Adhân: 149 (834).

[15] Koran, 3:180; 39:63; 42:12; 57:10.

[16] Koran, 21:87.