Huzn (Trauer oder Leid)
Die Sufis gebrauchen das Wort huzn (Trauer) in der gegenteiligen
Bedeutung von Freude und Fröhlichkeit und drücken mit ihm den
Schmerz aus, den die Erfüllung von Pflichten und die Realisierung
von Idealen hervorruft. Auch jeder Gläubige, der sich selbst
vervollkommnet hat, wird diesen Schmerz dem Grad seines Glaubens
entsprechend ertragen und das Tuch seines Lebens mit den ,Fäden' des
huzn auf dem ,Webstuhl' der Zeit weben müssen. Kurz, er wird solange
immerzu Trauer verspüren, bis der Geist der Wahrheit Muhammads in
allen Ecken der Welt geatmet wird, das Seufzen von Muslimen und
anderen unterdrückten Menschen verstummt und die Regeln Gottes im
täglichen Leben der Menschen beachtet werden. Seine Trauer wird
solange fortbestehen, bis er seine Reise durch die Zwischenwelt des
Grabes schließlich heil und gesund zum Abschluss bringt und sich zum
Ort ewigen Glücks und Segens aufmacht, ohne vom Höchsten Gericht im
Jenseits angehalten zu werden. Das Leid eines Gläubigen wird nicht
enden, bis die Bedeutung des Koranverses Alles Lob gebührt Allah,
der die Traurigkeit von uns genommen hat! Unser Herr ist wahrlich
verzeihend, dankbar.[1] Wirklichkeit wird.
Leid oder Trauer sind das Ergebnis der Wahrnehmung des Menschen von
dem, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Solange sich der Mensch
seiner Menschlichkeit bewusst ist, stehen sein Leid und seine Trauer
im Einklang mit dem Grad seiner Einsicht und Wahrnehmung. Sie
erzeugen eine notwendige, spürbare Dynamik, die den Menschen dazu
zwingt, sich ständig dem Allmächtigen zuzuwenden und - während er
die Realitäten wahrnimmt, die ihn traurig machen - bei Ihm Zuflucht
zu suchen sowie Ihn in Momenten der Hilflosigkeit um Hilfe zu
bitten.
Ein gläubiger Mensch ist jemand, der nach sehr kostbaren Dingen wie
zum Beispiel nach dem Wohlwollen Gottes und ewigem Glück strebt und
der darum in der kurzen Spanne seines Lebens mit seinen limitierten
Mitteln ,einen guten Job erledigen' muss. Die Leiden, die ein
Gläubiger auf Grund der Krankheiten und Schmerzen, die er
durchmacht, ertragen muss und die Beschwerden und Missgeschicke, die
ihm widerfahren, sind so wirksam wie eine Medizin, die seine Sünden
hinweg wischt; sie verewigen, was vergänglich ist, und lassen seinen
,Tropfen-förmigen' Verdienst zu einem Ozean anschwellen. Wie
aufschlussreich ist doch, dass der Glanz der Menschheit, der sein
ganzes Leben in Leid verbrachte, von einigen als Prophet des Leids
beschrieben wird.
Trauer bewahrt die Maschine des menschlichen Herzens und die Räder
seiner Gefühle davor, zu rosten und zu verkommen, und zwingt den
Menschen, sich auf seine innere Welt zu konzentrieren und seinen Weg
selbst zu lenken. Durch Leid kann ein Reisender auf dem Pfad zur
Vervollkommnung den Rang eines rein spirituellen Lebens erreichen,
einen Rang, den andere auch durch mehrere vierzigtägige Buß- und
Enthaltsamkeitsperioden nicht erlangen.
Der Allmächtige schätzt die Herzen, auch die traurigen und
gebrochenen, nicht aber die äußerlichen Erscheinungsformen. Er
belohnt die Besitzer dieser Herzen mit Seiner Allgegenwart, wie auch
in folgendem Satz fest gehalten ist:
Ich bin denjenigen, die ein gebrochenes Herz haben, nahe.[2]
Sufyan ibn Uyayna sagte einst:
„Manchmal hat Gott mit einer ganzen Nation Mitleid, weil ein
einziger Trauernder mit gebrochenem Herzen weint.[3]
Mit dieser Einschätzung lag er durchaus richtig, denn Leid
entspringt der Aufrichtigkeit der Herzen und gehört tatsächlich zu
den Handlungen, die uns Gott näher bringen. Trauer und Leid sind am
wenigsten anfällig dafür, durch Prahlerei oder das Trachten eines
Menschen, in seiner Abwesenheit gerühmt zu werden, getrübt zu
werden. In jeder Gabe und in jedem Segen Gottes verbirgt sich ein
Element, das den Bedürftigen zusteht und damit Gabe und Segen von
gewissen Unreinheiten befreit. Jenes Element heißt in der Sprache
des Islam ,zakat'.[4] Trauer und Leid ähneln dem Teil eines
Verstandes oder Bewusstseins, der für die Klärung und die Erhaltung
der eigenen Reinheit zuständig ist.
In der Thora steht geschrieben, dass Gott einem Diener, den Er
liebt, das Gefühl, weinen zu müssen, zuteil werden lässt. Demjenigen
aber, den Er nicht mag und auf den Er wütend ist, füllt Er das Herz
mit dem Bedürfnis nach Belustigung und Spiel.
Von Bischr al-Khafi stammen die Worte:
„Trauer oder Leid sind wie ein Herrscher. Wenn sie sich an einem
bestimmten Ort niederlassen, dulden sie nicht, dass sich ein anderer
Mensch dort aufhält."[5]
So wie ein Land ohne Führung in Konfusion und Unordnung fällt, ist
auch ein Herz, das kein Leid kennt, wie eine Ruine. War nicht auch
Muhammad, Friede und Segen seien mit ihm, der ein so tadelloses und
blühendes Herz besaß, ständig traurig und in Gedanken versunken?
Kletterte nicht Prophet Jakob, Friede sei mit ihm, auf Berge, die
ihn von seinem geliebten Sohn, dem Propheten Joseph trennten?
Überwand er sie nicht auf den Flügeln des Leids und wurde dann Zeuge
der Verwirklichung eines erfreulichen Traums?
Die Seufzer eines leidgeprüften Herzens sind also als genauso
wertvoll zu betrachten wie die regelmäßigen Rezitationen und
Bezeugungen der Anbeter Gottes und die Hingabe, Frömmigkeit und
Enthaltsamkeit der Asketen.
Der wahrhaftige und bekräftigte Eine, Friede und Segen seien mit
ihm, betonte, dass ...der Kummer, der aus weltlichen Unglücken
hervor geht, bewirkt, dass Sünden vergeben werden.[6] Daraus
lässt sich ersehen, wie wertvoll und verdienstvoll Leid ist, das
einer Sünde entspringt oder aus der Gottesfurcht und der Liebe zu
Gott hervorgeht und das Jenseits betrifft.
Einige Menschen sind bekümmert, weil sie an der Aufgabe scheitern,
ihre Anbetungspflichten so zu erfüllen, wie es angebracht wäre.
Diese Menschen sind die gewöhnlichen Gläubigen. Andere, die als
außergewöhnlich betrachtet werden müssen, sind traurig, weil sie
eine Neigung zu etwas oder jemand anderem als Gott verspüren. Wieder
andere sind traurig, weil sie fühlen, dass sie sich in der
Allgegenwart Gottes befinden und Ihn nie vergessen. Sie verbringen
auch Zeit unter den Menschen, aber vor allem mit dem Ziel, sie im
Namen Gottes zur Wahrheit zu führen. Ständig zittern sie vor Furcht,
das Gleichgewicht zwischen dem dauerhaften Aufenthalt bei Gott und
der Gesellschaft von Menschen zum Einstürzen zu bringen. Diese
Menschen sind Geläuterte, die für die Unterweisung anderer
verantwortlich sind.
Der erste Prophet, Adam, Friede sei mit ihm, war nicht nur der Vater
der Menschheit und der Propheten, sondern auch der ,Vater' des
Leids. Als sein Leben begann, begann auch sein Leid. Zunächst
bedrückte ihn das Leid, das aus seinem Fall, dem verlorenen Paradies
und der Trennung von Gott erwuchs, später dann belastete ihn die
große Verantwortung seiner Prophetenschaft.
Der Prophet Noah, Friede sei mit ihm, fand sich von Trauer
gezeichnet, nachdem er Prophet geworden war. Die Wellen des Leids,
die in seiner Brust schlugen, waren wie die Wellen der Ozeane. Eines
Tages ließen diese Wellen die Ozeane so sehr anschwellen, dass sie
die Berge überspülten und die Erde in Folge dessen in Kummer
versank. Der Prophet Noah wurde zum Propheten der Flut.
Der Prophet Abraham, Friede sei mit ihm, war quasi auf Leid
programmiert. Er lebte in Kummer, der aus seinem Kampf mit Nimrod
entstand, er wurde ins Feuer geworfen und war ständig von ,Feuern'
umgeben. Er verließ Frau und Sohn in einem verlassenen Tal und
zusätzlich zu anderem ,heiligen' Kummer, der die innere Dimension
der Dinge und die Bedeutungen von Ereignissen betraf, wurde ihm
befohlen, seinen eigenen Sohn zu opfern.
Alle anderen Propheten wie z.B. Moses, David, Salomon, Zacharias,
Johannes der Täufer und Jesus, Friede sei mit ihnen, erfuhren das
Leben als eine Anhäufung von Leid und lebten in ständiger Begleitung
dieses Leids. Vor allem der größte der Propheten, Friede und Segen
seien mit ihm, und jene, die zu seinen Gefährten wurden, erfuhren
unbeschreibliches Leid.
Fethullah Gülen
[1] 35:34
[2] Adschluni, Kaschf al-Khafa', 1:203
[3] Quschairi, ar-Risala al-Quschairiya, 139
[4] Wörtlich bedeutet zakat Reinigung und Vergrößerung. Durch sie
wird das Vermögen eines Menschen von den Unreinheiten gesäubert, mit
denen es entweder beim Verdienen, beim Gebrauch oder beim Ausgeben
beschmutzt wurde. Mittels der zakat wächst das Vermögen zu einem
Segen Gottes.
[5] Quschairi, ar-Risala al-Quschairiya, 138
[6] Haythami, Madschma' az-Zawa'id, 4:63" |