Nötige
Qualifikationen zur Qur`an- und Hadith-Exegese
Immer wieder begegnet man vermeintlichen
Islam-Experten, die aus dem Qur`an und aus
der Sunna des Propheten allerlei Dinge
„herauslesen“. Ohne hier auf die Methodik der
Qur`an- und Hadith-Exegese im Detail einzugehen sei
jedoch zumindest erwähnt, dass diese Wissenschaften
fundierte Kenntnisse der arabischen Sprache, das
nötige Wissen über die Biographie (arab.: Sira)
und die Lebensweise (arab.: Sunna) des
Propheten, die Inhalte der Qur`an- und
Hadith-Wissenschaft sowie zum Beispiel auch
Kenntnisse über die damals gängigen Sitten und
Gebräuche auf der arabischen Halbinsel voraussetzen.
Darüber hinaus ist es ganz entscheidend, auch über
das Qur`an-Verständnis der engeren
Prophetengefährt(inn)en Bescheid zu wissen, da diese
den Islam direkt vom Propheten erlernen konnten. Die
Wissenschaften der Qur`an- und der
HadithExegese können zweifelsohne als zwei der
detailreichsten und komplexesten Bereiche in der
Studienlaufbahn eines islamischen Gelehrten
bezeichnet werden. Eben aus diesem Grunde muss es
als äußerst fahrlässig gelten, ohne das nötige
Wissen um die arabische Sprache und die
linguistische und inhaltliche Bedeutung von
Begriffen sich zum Beispiel als selbsternannter „Qur`an-Exeget“
zu betätigen. Ebensowenig ist es sinnvoll, ohne
Berücksichtigung der
klassisch-schari´awissenschaftlichen Kriterien, –
vielleicht noch dazu auf der Grundlage irgendeiner
„Übersetzung des Qur`an“ – irgendwelche
Thesen über „den Islam“ aufzustellen. Dazu gehören
zum Beispiel die „Hinabsendungsanlässe“ (arab.:
Asbabu-n-Nuzul), das „Aufhebende“ (arab.:
Nasich) und das „Aufgehobene“ (arab.: Mansuch),
was wiederum eine Kenntnis der
Hinabsendungschronologie bedingt sowie die
„metaphorische“ (arab.: Madschaz) und die
„wortwörtliche Bedeutung“ (arab.: Haqiqa) von
Begriffen.
Dazu ist interessanterweise zu sagen, dass – so
paradox dies auch klingen mag – die feurigsten
„Islam-Kritiker“ und so manche radikale, aber auch
„besonders liberale“ Muslime, zumindest was die
„Methodik“ angeht, große Gemeinsamkeiten aufweisen.
Bei allen diesen werden häufig Qur`an-Verse oder
Prophetenüberlieferungen (arab.: Ahadith)
ohne die geringste Berücksichtigung schari´a-
und sprachwissenschaftlicher Kriterien aus dem
Kontext gerissen und zur „Legitimierung“
persönlicher Interessen oder zu Untermauerung
irgendwelcher Behauptungen über „den Islam“
herangezogen.1
An dieser Stelle soll eines der unzähligen Beispiele
aus der Gruppe der so genannten „Islam-Kritiker“
genannt werden, wie sie dem Autor dieses Buches
selbst immer wieder auf Veranstaltungen zum Thema
Islam begegneten. Es soll aufzeigen, wie mit dem
Qur`an auf völlig unqualifizierte Weise
umgegangen werden kann.
So behauptete vor einiger Zeit auf einer solchen
Vortragsveranstaltung eine sich selbst als
„Islamkenner“ betitelnde Person, im Qur`an
stehe, Muslimen sei es von ihrer Religion her
verboten, sich Juden oder Christen zu Freunden zu
nehmen. Dazu präsentierte er dem Publikum folgenden
Vers:
„Oh ihr, die ihr glaubt! Nehmt euch nicht die Juden
und Christen als Awliya` (...)“ 2
Das arabische Wort „Awliya`“ ist neben „Gebieter“
und „Beschützer“ auch übersetzbar als „Freunde“. Um
seine These zu „untermauern“ gab der genannte
„Islam-Experte“ letzterer Bedeutung die Präferenz.
Eine solche These ist erheblich leichter in den Raum
zu stellen als man sie wieder loswird, ganz
abgesehen davon, dass sie das Klima zwischen
Muslimen und Nicht- Muslimen nachhaltig stören und
vergiften kann, und das in einer Zeit, in der es
umso wichtiger ist, einen Dialog der Zivilisationen
und keinen Kampf der Kulturen zu führen. Die
wissenschaftliche Analyse der hier genannten These
zeigt folgendes:
Der hier erwähnte, des Arabischen ohnehin nicht
mächtige „Islam-Kritiker“ hat ganz offenbar die
inhaltliche Bedeutung des Begriffes „Awliya`“ mit
seiner linguistischen Bedeutung verwechselt, falls
er sich eines solchen Unterschiedes überhaupt
bewusst gewesen sein sollte.
Der „Sababu-n-Nuzul“, also der
„Hinabsendungsanlass“ des genannten Verses3
verdeutlicht nämlich unmissverständlich, dass diese
qur`anische Aussage sich in Wahrheit auf die so
genannten Awliya`-Verträge bezieht, eine
spezielle stammesrechtliche Vertragsform, wie sie
zur Zeit des Gesandten auf der arabischen Halbinsel
verbreitet war. Der arabische Begriff „Awliya`“
kann zwar rein linguistisch auch als „Freunde“
übersetzt werden, auch wenn dies sicherlich nicht
seine vordergründige Bedeutung ist; im Kontext
dieses Verses bezieht er sich jedoch ganz im
inhaltlichen Sinne konkret auf eben diesen
Vertragstypus der damaligen Zeit. Somit lautet eine
adäquatere Übersetzung desselben Verses:
„Oh ihr, die ihr glaubt! Nehmt euch nicht die Juden
und Christen als Awliya` (im Rahmen von Awliya
`-Verträgen).“
Inhalt eines solchen „Awliya`-“ oder
„Beschützer-Vertrages“ war unter anderem ein
Beistandspakt. So musste der eine Stamm bzw. eine
Person einem anderen Stamm bzw. einer anderen Person
zu Hilfe eilen, falls sich mit einer dritten Partei
eine Konfliktsituation ergeben hatte. Um zu
verhindern, dass Muslime im Rahmen ihrer Pflicht zur
Vertragserfüllung unter Umständen auch gegen
Muslime, oder auf bloßer Vertragsbasis zu Unrecht
gegen rechtschaffene Juden oder Christen vorgehen
müssten, wurde die Institution der
Awliya`-Verträge gemäß der oben genannten Form
durch den zitierten Vers verboten.4
Somit mag man aus ihm in den islamischen
Rechtswissenschaften zum Beispiel Konsequenzen für
das internationale Vertragsrecht ableiten, und zwar
auf der Basis von Analogieschlüssen (arab.:
Al-Qisas) für vergleichbare Vertragstypen, durch
welche Juden, Christen und Muslime de iure zu
„Gebietern“ oder zu „Beschützern“
würden. Der besagte Vers hat jedoch mit einer
normalen freundschaftlichen Beziehung zwischen
Privatpersonen definitiv nichts zu tun!
Auch andere Aspekte zeigen deutlich, dass eine
solche Sichtweise im Widerspruch zu den Regeln des
Islam steht. Dazu gehört etwa der Umstand, dass die
„Leute der Schrift“ (arab.: Ahlu-l-Kitab),
und dazu gehören nun einmal in erster Linie Juden
und Christen, im Islam hohen Respekt genießen, oder
auch die Tatsache, dass es einem Muslim zum Beispiel
erlaubt ist, eine Christin oder Jüdin zur Frau zu
nehmen, um mit ohnehin den Regeln des Islam.
Zur weiteren Veranschaulichung: Die oben gezeigte
Behauptung, die auf der Grundlage einer hochgradig
unkundigen „Qur`an-Exegese“ „dem Islam“
angelastet wurde, entspricht in etwa der „Methodik“
eines „Bibel-Experten“, der zum Beispiel folgende im
Neuen Testament Jesus zugeschriebenen Aussagen als
„Belege“ für die extreme Gewaltfreude, den
Hass und die Blutrünstigkeit der
„christlichen Lehre“ verwenden würde. Dort wird
Jesus folgendermaßen zitiert:
„Ihr sollt nicht glauben, dass ich gekommen sei, um
Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht
gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert. “5
Und an anderer Stelle heißt es:
„So jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen
Vater, Mutter, Weib, Kinder,
Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der
kann nicht mein Jünger sein. “6
Beispiele für auf Inkompetenz beruhende
Fehlinterpretationen des Qur`an, wie sie
seitens des oben erwähnten „Islam-Kritikers“
vorgenommen wurden, gibt es leider allzu viele.
Allerdings soll dies hier ausreichen, um zu
veranschaulichen, wie wichtig es ist, sich mit der
Materie mehr zu beschäftigen, um das leider ohnehin
schon vorurteilsbelastete Klima zwischen
Nicht-Muslimen und Muslimen nicht unnötigerweise
noch mehr zu trüben.
(aus dem Buch „Der Islam muss kein Rätsel sein“ von
Samir Suleiman, M.A.)
www.qalam.de
1
Um einen einführenden, allerdings arabischsprachigen
Einblick in die ausdifferenzierte Methodik der
klassisch- islamischen Schari´a-Wissenschaften
zu erhalten, siehe z.B. Zaidan, ´Abdu-l-Karim:
Al-Madchal li Dirasati-schSchari´ati-l-islamiyya,
Alexandria 1996; Siehe dazu auch: Abu Zahra,
Muhammad: Usulu-l-Fiqh, Kairo 1958; auch: Al-Qattan,
Manna´: Mabahith fi ´Ulum al-Qur`an, Kairo 2004.
2 Surat Al-Ma`ida (5), Ayah 51.
3 Vgl. dazu beispielsweise As-Suyuti,
Dschalalu-d-Din: Ad-Dur al-manthur, hrsg. durch
Daru-l-Fikr, Beirut 1993, Band 3, S. 98.
4 Bündnisse mit Muslimen und der Umgang mit
Nicht-Muslimen unterliegen ihr eine Familie zu
gründen. Denn wie wäre z.B. eine solche Ehe denn
überhaupt möglich, wenn es dem Muslim sogar verboten
wäre, sich mit seiner andersgläubigen Ehefrau und
ihrer Familie auch nur anzufreunden?!
5 Matthäus 10, 34.
6 Lukas 14, 26. |