Über Koranübersetzung
Mit Übersetzung (tardschama) des Korans wird
der Ausdruck der Bedeutung seines Textes in einer
anderen als der Sprache des Korans verstanden, damit
diejenigen, die nicht mit ihr vertraut sind, davon
erfahren und die Rechtleitung Allahs und Seinen
Willen verstehen können.
Es besteht unter den muslimischen Gelehrten
Übereinstimmung, dass es unmöglich ist, den Koran im
Original Wort für Wort in gleicher Art und Weise in
eine andere Sprache zu übertragen. Dies hat mehrere
Gründe:
·
Worte unterschiedlicher Sprachen drücken nicht alle
Bedeutungsschattierungen ihrer Gegenstücke aus,
obwohl sie bestimmte Konzepte ausdrücken können.
·
Die Einschränkung der Bedeutung des Korans auf
spezifische Begriffe in einer Fremdsprache würde
den Verlust anderer wichtiger Dimensionen bedeuten.
·
Die Präsentation des Korans in einer anderen Sprache
würde deshalb zu Verwirrung und Fehlleitung führen.
Es besteht jedoch kein Zweifel, dass Übersetzungen
der Bedeutung des Korans bereits zu Zeiten des
Propheten Muhammad für diejenigen hergestellt
wurden, die der Sprache des Korans nicht mächtig
waren:
Als Heraclius, der Kaiser von Byzanz die ihm von
einem Boten überbrachte Botschaft erhielt, mussten
darin enthaltene Koranverse zusammen mit dem Brief
übersetzt werden, und der entsprechende Bericht Abu
Sufjans1
besagt expressis verbis, dass Übersetzer zu
der Unterredung zwischen dem Kaiser und Abu Sufjan
herbeigerufen wurden, und dass die Botschaft vom
Propheten eine Passage aus dem Koran enthielt,
nämlich Sure 3: 64.
Gleichermaßen muss eine Übersetzung des Abschnitts
aus der Sure
Mariam (19) stattgefunden haben, die von den
Muslimen vor dem Negus von Abessinien2
rezitiert wurde. Es kann auch als ein Hinweis darauf
gedeutet werden, dass die Muslime schriftliche
Koranauszüge mitgebracht hatten, für den Fall, dass
der Negus danach fragen würde, bevor einer von ihnen
aus dem Koran vortrug: Hast du etwas dabei von dem,
was er von Allah überbracht hat?3
Es gibt auch gewisse Hinweise auf die persische
Sprache:
‚Einige Perser – man weiß nicht genau, ob sie aus
dem Jemen oder Bahrain, Oman oder von anderwärts
waren - waren zum Islam übergetreten und suchten um
Erlaubnis, ihre Gebete für eine begrenzte Zeit in
ihrer Muttersprache zu sprechen. Der Perser Salman
al Farisi übersetzte das erste Kapitel (suratu-l-fatiha)
und sandte es einem von ihnen zu.4
Übersetzung der Bedeutungen
Eine Übersetzung des Korans Wort für Wort in eine
andere Sprache wäre nicht angemessen. Deshalb
bemühten sich gute Übersetzer immer zuerst um die
Bestimmung der Bedeutung eines Abschnitts und dann
erst um die Übertragung in eine andere Sprache.
Deshalb sind Koranübersetzungen in Wirklichkeit
Ausdruck der Bedeutungen des Korans in anderen
Sprachen. M. Pickthall, einer der bekannten
englischen Koranübersetzer, eröffnet sein Vorwort
mit den folgenden Zeilen:
„Das Ziel dieser Arbeit ist es, englisch-sprachigen
Lesern vorzustellen, was Muslime landauf landab für
die Bedeutung der Worte des Korans und das Wesen
dieses Buches halten ... Der Koran kann nicht
übersetzt werden. Das glauben altmodische Scheikhs,
und das ist die Ansicht dieses Autors. Das
vorliegende Buch ist fast wörtlich übertragen, und
alles ist getan worden, den passenden sprachlichen
Ausdruck zu finden. Aber das Ergebnis ist nicht der
ruhmvolle Koran, jene unnachahmbare Symphonie, deren
Töne die Menschen zu Tränen bewegen und in Ekstase
versetzen. Es ist nur ein Versuch, die Bedeutung des
Korans zu präsentieren – und einen Vorgeschmack
seines Zaubers in englischer Sprache zu verspüren.5
Grenzen der Übersetzung
Der Koran ist das Wort Allahs. Weil der Koran in
arabischer Sprache offenbart wurde, sagen die
Gelehrten, dass eine Übersetzung niemals das Wort
Allahs wäre. Weiterhin ist das Konzept der
Einzigartigkeit und der Unnachahmbarkeit des Korans
(i’dschaz al-qur’an) im Verständnis dieser
Gelehrten eng mit seinem Ausdruck in der arabischen
Sprache verbunden. Dies geht in der Übersetzung
verloren. Schließlich kann die Übersetzung wegen
der unterschiedlichen Bedeutungen, die Wörter in
verschiedenen Sprachen tragen, niemals alle
Bedeutungen des Korans im Originaltext angemessen
ausdrücken.
Bedeutung von Übersetzungen und ihr Nutzen
Übersetzungen von Bedeutungen des Korans sind aus
zwei Gründen von großer Wichtigkeit:
Den Nichtmuslimen die Botschaft des Islam
vorzustellen und sie einzuladen, über den Koran
nachzudenken.
Darstellung der offenbarten Rechtleitung für die
Muslime und des Willens Allahs, den sie befolgen
sollen.
Ohne Übersetzungen des Korans gibt es heute keinen
Weg der effektiven Dawa, weder bei Nichtmuslimen
noch bei Muslimen selbst, weil die Zahl derer, die
mit der Sprache des Korans vertraut sind, gering ist
und die große Mehrheit keine Gelegenheit bekommt,
mit der Bedeutung des Korans vertraut zu werden, es
sei denn, sie wird in ihrer Muttersprache
wiedergegeben.
Übersetzungen der Bedeutungen des Korans sind
deshalb nicht nur erlaubt, sondern eine Pflicht und
Schuldigkeit für die Muslime6 und die
praktische Grundlage für die Ausbreitung der
islamischen Dawa bei den übrigen Völkern in aller
Welt.
Benutzung einer Übersetzung für das rituelle Gebet
(salah)?7
Es bestehen Meinungsverschiedenheiten, ob die
übersetzten Bedeutungen des Koranverses während des
rituellen Gebetes vorgetragen werden dürfen. Einige
Gelehrte (insbesondere aus der Schule Hanafis)
sagen, dass jemand, der mit der Sprache des Korans
nicht vertraut ist, kurze Abschnitte in seiner
Muttersprache rezitieren darf, bis er sie in der
Sprache des Korans erlernt hat.8 Die
Mehrheit der Gelehrten sagt, dies würde das Gebet
ungültig machen und die Rezitation des Korans
ausschließlich in der offenbarten Form sei zulässig.
Welche Übersetzung?
In Europa wurde die erste Koranübersetzung aus dem
Arabischen ins Lateinische im Jahre 1143 auf
Anweisung Peters des Hochwürdigen, Abt von Cluny,
erstellt. Es war der Versuch, am Vorabend der
Kreuzzüge die Akteure der Reconquista (in
Spanien) für die Mission unter den Muslimen und die
Widerlegung des Islams auszurüsten und seither sind
viele andere Übersetzungen gefolgt.
Hier beschäftigen wir uns nur mit Übersetzungen in
die englische Sprache. Die zu erfüllenden
Bedingungen kann man aus dem Feld des tafsir
übernehmen (und Übersetzung ist wie bereits gesehen
sicher eine Art tafsir, weil das Ausdrücken
seiner Bedeutung in einer anderen Sprache tafsir
erfordert):
• Die Übersetzung muss von einer Person mit dem
richtigen Glauben erstellt werden, d.h. von einem
Muslim.
•
Die Übersetzung muss von einer Person erstellt
werden mit angemessenen Kenntnissen beider
Sprachen, der Sprache des Korans und der
Übersetzungssprache.
•
Die Übersetzung muss von einer Person ausgeführt
werden, die mit den dazugehörigen Wissenschaften gut
vertraut ist, wie hadith, tafsir usw.
Aus den obigen Grundsätzen ist offensichtlich, dass
alle Übersetzungen von Missionaren und deren
Helfershelfern, sowie Orientalisten (selbst in
hervorragendem Englisch)9 abzulehnen
sind. Dies trifft auch auf alle nichtmuslimischen
Übersetzer zu und auf jene, die Glaubensrichtungen
anhängen, die sich nicht auf Koran und sunna
gründen.
Autoren, die gut im Islam fundiert sind, aber
Auslegungen vortragen, die nicht in Übereinstimmung
mit der herrschenden Lehre sind, sollten mit
Vorsicht gelesen werden.
Übersetzungen durch Personen mit unzureichenden
Kenntnissen in einer von beiden Sprachen oder mit
unzureichendem Bildungsstand, schlechten Kenntnissen
der einschlägigen Wissenschaften usw. sind von
geringem Nutzen und können die Bedeutungsinhalte des
Korans undeutlich machen oder sogar verfälschen.
Es bleiben nur einige wenige Übersetzungen in die
englische Sprache, die man empfehlen kann. Darunter
scheinen die beiden folgenden am nützlichsten zu
sein:
Abdullah Yusuf Ali: Dies ist ein Buch gemischten
Werts, weil die Übersetzung an einzelnen Stellen
ein wenig zu weit vom Text entfernt ist. Die
zahlreichen Fußnoten bringen wertvolle Erläuterungen
und Hintergrundinformationen, aber einige sind
seltsam, wenn nicht unannehmbar.
Marmaduke Pickthall: Dies ist eine reine
Übersetzung ohne Erläuterung oder Fußnoten, was sie
vielleicht für den Anfänger schwieriger macht. Der
Autor bemüht sich soweit wie möglich um wörtliche
Übersetzung.
Ahmad von Denffer
1
Bukhari, Band VI, Nr. 75
2
Siehe Ibn Hisham, Seite 152.
3
Hal ma’aka mima dscha’a bihi an allahi min schai‘:
Siehe Ibn Hisham, Arabic I, Seite 224.
4
Hamidullah, Munabbih, Seite 19; auch: Le Saint
Coran, Seite XXXVI; Siehe auch:
‚Is the Qur’an translatable? Early Muslim Opinion‘,
in: Tibawi, A.L., Arabic and Islamic Themes,
London, 1974, Seite 72 bis 85, hier Seite 73.
5
Pickhall, M.M.: The Meaning of the Glorious
Koran, New York, 1963.
6
Sabuni, Tibjan, Seite 232.
7
Siehe Qattan, a.a.O. Seite 272 bis 276.
8
Siehe auch GdQ, Band III, Seite 106.
9
Wie z.B. Arberry, A.J.: The Koran Interpreted,
London 1964. |