Der Anfang der Offenbarung
Die Offenbarung des Korans begann in der Lailat
al-qadr des Ramadan (die 27.Nacht oder eine der
ungeraden Nächte nach der 21sten), nachdem der
Prophet Muhammad sein vierzigstes Lebensjahr
vollendet hatte (das ist um das Jahr 610), während
er sich in die Höhle Hira‘ auf einem Berg in der
Nähe von Mekka zurückgezogen hatte.

Jabal al-nur
(Berg des Lichts) in der Nähe von Mekka – mit der
Höhle Hira, wo der Prophet die erste Offenbarung
empfing (Sure 96:1-5).
Der Bericht Bukharis1
So wird davon im Sahih al-Bukhari berichtet: Von
Aischa, der Mutter der Gläubigen, die gesagt hat:
„Der Anfang der göttlichen Eingebung an Allahs
Gesandten geschah in Form guter Träume, die wie
helles Tageslicht kamen (d.h. wahr) und dann wurde
ihm die Vorliebe verliehen, sich zurückzuziehen.
Er pflegte sich in die Höhle von Hira‘
zurückzuziehen, wo er ohne Unterbrechung Tage lang
(nur Gott allein) anbetete, bevor der Wunsch
aufkam, seine Familie zu besuchen. Er nahm sich
immer Essen für die Dauer seines Aufenthaltes und
kam zurück zu (seiner Ehefrau) Khadidscha, um sich
wiederum Essen zu holen, bis plötzlich die Wahrheit
auf ihn herabkam, während er sich in der Höhle von
Hira‘ aufhielt.
Der Engel kam zu ihm und befahl ihm zu lesen. Der
Prophet antwortete: „Ich kann nicht lesen.“
Der Prophet fügte hinzu: Der Engel ergriff mich (mit
Gewalt) und drückte mich so fest, dass ich es nicht
mehr ertragen konnte. Dann ließ er mich los und
befahl mir wieder zu lesen und ich antwortete: „Ich
kann nicht lesen.“ Darauf ergriff er mich wieder und
drückte mich ein zweites Mal bis ich es nicht mehr
ertragen konnte. Darauf ließ er mich los und befahl
mir wieder zu lesen, aber ich antwortete wieder:
„Ich kann nicht lesen“ (oder: was soll ich lesen?).
Darauf ergriff er mich zum dritten Mal und drückte
mich und sagte: „Trage vor, im Namen deines Herren,
der geschaffen hat! Er hat den Menschen geschaffen
aus einem anhaftenden Blutgebilde. Trage vor! Und
dein Herr ist der Edelste.“2
Der Bericht sagt weiter, dass der Prophet zu seiner
Frau Khadidscha zurückkehrte und ihr über sein
furchterregendes Erlebnis berichtete. Sie beruhigte
ihn und beide fragten Waraqa hierüber um Rat, einen
Verwandten Khadidschas, der ein gelehrter Christ
war. Waraqa erklärte Muhammad, dass er denjenigen
getroffen hat, „den Allah zu Moses gesandt hat“ und
dass er von seinem Volk vertrieben werden wird.
Wie die Offenbarung kam
Von Aischa, der Mutter der Gläubigen, die gesagt
hat: Al-Harith bin Hischam fragte den Gesandten
Allahs: „Allahs Gesandter, wie wird dir die
göttliche Inspiration offenbart?“ Gottes Gesandter
antwortete: „Manchmal wird sie offenbart wie das
Läuten einer Glocke; diese Form der Offenbarung ist
die schwerste von allen, und dieser Zustand geht
dann vorüber, nachdem ich erfasst habe, was mir
eingegeben wird. Manchmal kommt der Engel in der
Gestalt eines Menschen und spricht zu mir, und ich
nehme auf, was immer er sagt.“3
Die erste Offenbarung4
Die erste Offenbarung, die der Prophet Muhammad
erhielt, steht in den ersten Versen der
suratu-l-'alaq (96:1-3, nach anderen Quellen 1-
5):
„Trage vor im Namen deines Herren, der geschaffen
hat! Er
hat den Menschen geschaffen aus einem anhaftenden
Blutge‑
bilde. Trage vor! Und dein Herr ist der Edelste, der
gelehrt hat mit dem Schreibrohr, Er hat den Menschen
gelehrt, was er nie wusste.“
Der Rest der 96. Sure, die jetzt 19 Verse hat, wurde
zu einem späteren Zeitpunkt offenbart.
Die Pause
(fatra)
Nachdem die erste Botschaft auf diese Weise
empfangen worden war, brach die Offenbarung für eine
gewisse Zeitspanne (fatra genannt) ab, und
setzte sich danach fort:
Dschabir bin Abdullah Al-Ansari sagte, als er von
der Pause in der Offenbarung berichtete, dass (der
Prophet) gesagt hat:
„Während ich ging, hörte ich plötzlich eine Stimme
vom Himmel. Ich schaute nach oben und sah denselben
Engel, der mich in der Höhle von Hira‘ besucht
hatte, auf einem Stuhl zwischen Himmel und Erde
sitzen. Ich bekam Angst vor ihm und kam zurück nach
Hause und sagte: „Wickelt mich ein (in Decken)“ und
dann offenbarte Allah mir die folgenden Verse (des
Korans): Du, der Zugedeckte, stehe auf und warne ...
und das Schmutzige, entferne dich davon.“
Hiernach kamen die Offenbarungen stark und
regelmäßig.5
Die zweite Offenbarung
Der zweite Teil des Korans, der dem Propheten
Muhammad offenbart wurde, war der Anfang der
suratu-l-muddathir (74:1-5). Sie besteht heute
aus 56 Versen, die übrigen wurden später offenbart,
und sie beginnt wie folgt: „Du, der Zugedeckte,
stehe auf und warne, und deinen Herrn, verherrliche,
und deine Gewänder reinige, und das Schmutzige,
entferne dich davon, ...“
Weitere frühe Offenbarungen
Viele meinen, dass die suratu-l-muzzammil
(73) die nächste Offenbarung war. Andere sind der
Meinung, dass wohl suratu-l-fatiha (1) als
dritte Sure offenbart wurde.6
Zu weiteren frühen Offenbarungen, die der Prophet in
Mekka verkündete, zählen nach einigen Berichten die
111., die 81., die 87., die 92., die 89. Sure usw.
Die Offenbarung ging weiter, „es wurde das Paradies
und die Hölle angesprochen, bis die Leute im Glauben
gefestigt waren, dann kam die Offenbarung über
halal (Erlaubtes) und haram.
(Verbotenes)..“7
Die Offenbarung kam zum Propheten während seiner
Zeit in Mekka und auch in Medina, d.h. über eine
Zeitspanne von ungefähr 23 Jahren bis kurz vor
seinem Tode im Jahre 10 nach der hidschra
(632).
Die letzte Offenbarung
Viele muslimische Gelehrte stimmen überein, dass
Sure 2, Vers 281 die letzte Offenbarung war:
„Und fürchtet einen Tag, an dem ihr zu Allah
zurückgebracht werdet, dann wird jeder Seele
beglichen, was sie erworben hat, und sie werden
nicht unrecht behandelt.“
Einige meinen, es sei 2:282 oder 2:278 gewesen.8
Es wird auch die Meinung vertreten, dass alle drei
Verse gleichzeitig offenbart wurden. Der Prophet
starb neun Nächte nach der letzten Offenbarung.
Andere sind der Auffassung, dass (Teile von) Sure
5:3 als letzte offenbart wurde:
„Heute habe Ich für euch eure Religion vollständig
gemacht, und Ich habe Meine Gnade an euch erfüllt,
und Ich habe für euch den Islam als Religion
gewünscht, ...“
Die Meinung, dass dieser Vers die letzte Offenbarung
sei, ist nach Ansicht vieler Gelehrter nicht
stichhaltig, da er während der letzten Pilgerfahrt
des Propheten offenbart wurde. Diese Information
gründet sich auf einen hadith von Umar.
Sujuti erläutert zu dem Vers in der 5. Sure,
dass nach ihm nichts mehr offenbart wurde, was
ahkam (rechtliche Bestimmungen), halal
(Erlaubtes) und haram (Verbotenes) betraf
und in diesem Sinne ist er die „Vollendung“ der
Religion. Offenbarungen zur Erinnerung der
Menschheit an den bevorstehenden Tag des Gerichts
gingen aber noch weiter und die letzte dieser
Offenbarungen ist der zu Anfang dieses Abschnitts
zitierte Vers.9
Gründe für die stufenweise Herabsendung des Korans
Der Koran wurde in Etappen über eine Zeitspanne von
23 Jahren offenbart und nicht als vollständiges
Buch in einem einzigen Offenbarungsakt. Dafür gibt
es eine Anzahl von Gründen; die wichtigsten sind die
folgenden:
-
Zur Stärkung des Herzens des Propheten durch
kontinuierliche Ansprache und immer wenn
Rechtleitung gebraucht wurde,
-
aus Rücksicht auf den Propheten, weil die
Offenbarung eine sehr schwere Erfahrung für ihn war,
-
um die Gesetze Gottes stufenweise in Kraft zu setzen
und
-
um das Verständnis, die Anwendung und das Memorieren
der Offenbarung für die Gläubigen zu erleichtern.
Ahmad von Denffer
1
Die englischen Übersetzungen der Ahadith sind,
soweit nicht anders angegeben, entnommen aus: Khan,
Muhamed Muhsin, Übersetzung der Bedeutung des Sahih
al-Bukhari, 9 Bde., Istanbul, 1978 (abgek. Bukhari)
und Siddiqui, Abdul Hamid: Sahih Muslim, 4 Bde.,
Lahore, 1978 (abgek.
Muslim).
2
Bukhari, Bd. I, Nr. 3; VI, Nr. 478; Muslim Bd. I,
Nr. 301.
3
a.a.O., Nr. 2.
4
Siehe Sujuti, Itqan, Bd. I, S. 23f.
5
Bukhari I, Schluss von Nr.3
6
Sujuti, Itqan, Bd. I, S. 24.
7
Sujuti, a.a.O.
8
Kamal, Ahmed Adil, Ulum al-qur’an, Kairo 1974, S.
18.
9
Sabuni, tibjan, S. 18f. |